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Früher
war alles anders. Blumen waren schön, vor allem die mit den kleinen,
unscheinbaren Blüten. So bescheiden. So anspruchslos. Und viele sind
so „dankbar“, wie meine Oma sagt. Sie kommen jedes Jahr wieder
und blühen in immer schönerer Pracht. Vor allem die gelben. Meine
Nachbarn finden das immer noch. Ich nicht. Ich habe Pferde. Und ich
habe Weiden. Und mein Heubauer hat Heuwiesen. Und da wächst er, der
neue Feind: Das Jakobskreuzkraut. Ich lese fleißig die gängigen
Pferdezeitschriften und bin informiert. Deshalb gehe ich auch jeden
Sommer über die Wiesen und rupfe die gelben Stängel mit Wurzel aus.
Ja, es ist lästig und das Genick tut weh vom ständigen Zerren. Aber
mal ehrlich: Es hat auch was Befreiendes. Ich war schon seit Monaten
nicht mehr bei meinem Therapeuten. Aggression? Feindbilder?
Aufgestauter Ärger? Rupfe ich alles raus, je dicker die Staude, umso
besser. Und dann ab ins Feuer. Brenne, Du böser gelber Feind. Besser
kann man seinen Zivilisationsstress nicht loswerden.
Manchmal
versuche ich es auch im Guten. „He, Kreuzkraut“, sage ich, „
bleib doch so wie früher – bescheiden mal hier und da an den
Wegesrändern, dann kommen wir gut aneinander vorbei“. Aber es ist
unbelehrbar. Neulich hat sich wieder eine frech vor unserer Terrasse
angesiedelt. Sie müsste es doch besser wissen. Also gut, keine Gnade
für meine gelben Feinde. Ich schleiche nachts durch den Ort und
befreie heimlich Vorgärten von der gelben Invasion. Manche Stängel
haben sich das Vertrauen des Hausbesitzers erschlichen und sind sogar
liebevoll mit Ziersteinen umgeben. Ich trage meinen schwarzen
Tarnanzug. Die Blüten nehme ich mit, die heraus gerupften Stängel
lasse ich liegen – als Warnung.
Meine
Ausritte haben sich verändert. Vorbei die Zeiten, als ich im flotten
Trab den Wiesenweg entlang bretterte. Kaum habe ich Gas gegeben, da
sind sie schon, die gelbe Stauden. Meine Seh-Rezeptoren erfassen jede
Blüte, jedes Blatt, da muss ich mich gar nicht anstrengen. Mein
Pferd hält schon von selbst an. Abspringen, auf die Stängel stürzen
und rausreißen ist eine fließende Bewegung. Der Erfolg des
Ausrittes bemisst sich nach der Dicke der Packtaschen. Und dann, ab
ins Feuer….
Haben
Sie neulich den Stau auf der A6 mitbekommen? Da blühten sie, die
gelben Dinger, direkt neben dem Standstreifen. Haben wohl gedacht,
hier seien sie sicher vor mir. Kompromissloses Bremsen, zurücksetzen
und raus aus dem Auto. Der nachfolgende Verkehr war wohl noch nicht
ganz so für dieses Thema sensibilisiert und staute sich mit
Blechkontakt aufeinander. Aber es gab auch spontane Sympathisanten.
Sprangen aus ihrem zerbeulten Auto mit Pferdeaufkleber und rupften
mit.
Ich
bin schon seit Monaten nicht weiter als drei Kilometer vom Haus
weggekommen. Der Feind ist überall. Jetzt war ich doch noch mal beim
Therapeuten. Der guckte mich an und meinte ich sähe gestresst aus.
Vielleicht würde etwas Gartenarbeit helfen….
Ria
Reiter
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