Freitag, 18. Mai 2012

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Wer hat schon Angst vor dem Sir Vival? Drucken
Geschrieben von: Dagmar Cullmann   

Wer hat schon Angst vor dem Sir Vival?

„Laß uns losziehen und Abenteuer erleben.“ Mit diesen Worten überredete ich meine 15-jährige Freundin Danielle, mich zu begleiten. Ich wollte die Survival-Strecke abreiten, um nicht bei dem von mir angemeldeten Ritt auf unliebsame Überraschungen zu stoßen. Danielle reitet meine Stute Tarissa schon längere Zeit, so daß ich und Hanni Gesellschaft auf unseren Expeditionen haben.
„Hhmm…Daggi, was hat es denn mit dem Survival auf sich?“ wollte Danielle etwas besorgt wissen. „Keine Bange! Uns erwartet ein ganz zauberhafter Wald.“ Ich geriet ins Schwärmen. „Dort befindet sich ein tiefes Tal mit einem wilden Fluß, den kaum ein Mensch überquert hat. Und dort unten, in der tosenden Tiefe, so sagt man, dort unten wird man den Sir Vival treffen.“ Danielle mußte kichern.
Ich fuhr voller Begeisterung fort: „Über dem Tal  ragt ein uralter Felsen in die Höhe. Man nennt ihn die Hexenmole. Will man ihn erklimmen, kann man die Hexen heute noch lachen hören! Ein fantastisches Abenteuer! Das mußt du gesehen haben, das mußt du erlebt haben!“ Danielle lachte laut. „Ok, also laß uns den Sir Vival suchen“ sagte sie voller Tatendrang.
Fröhlich zogen wir los und erreichten bald den besagten Wald in der Nähe des Weißelberges.
Zielsicher führte ich uns immer tiefer hinein. Je finsterer es wurde, um so stiller wurde es um uns herum. Auch wir waren leiser geworden. Der Weg verengte sich immer mehr, bis er schließlich nur noch ein Fußpfad war. Dann endete er jäh vor einem Abgrund.
„Oh!“ entfuhr es Danielle. Vor uns lag die Engelsstiege, ein tiefes Tal mit einem lebhaften Bach auf seinem Grund. Es war umgeben von Steilwänden, während auf der uns gegenüberliegenden Seite schwarz und mächtig die Hexenmole über allem thronte.
Wir stiegen von unseren Pferden und traten vorsichtig einen Schritt näher, um so die Böschung besser einsehen zu können. Ein schmaler Pfad wand sich nach unten. Danielle schnappte hörbar nach Luft.  „Hhmm…Daggi, da müssen wir doch nicht etwa runter?“  fragte sie mich hoffnungsvoll.
 „Ein wenig steil. Es ist wohl besser, wenn wir führen.“ sagte ich ganz leger und marschierte so selbstverständlich mit Hanni im Schlepptau los, daß Danielle mir tatsächlich mit Tarissa folgte. Der Abstieg verlief reibungslos. Der Boden war trocken, die Pferde gingen trittsicher hinter uns her, sodaß wir im Gänsemarsch heil in der Talsohle ankamen.
„Uff…das war großartig!“ Danielle war stolz auf sich und ihr treues Ross. Doch lange freute sie sich nicht. „Hhmm…Daggi, wie um alles in der Welt kommen wir denn über diesen Bach?“ In der Tat, das könnte sich als schwierig erweisen. Riesige Steine, fast schon Felsblöcke lagen in dem tief eingeschnittenen Bachbett, während das Wasser wild um sie herum tanzte als wäre es wütend, daß sie den Weg versperrten. Selbst wenn man Springen in Betracht zog, so hätte man keinen Platz für den Absprung gehabt.
„Laß uns eine Pause machen, dann finden wir bestimmt einen Weg.“ schlug ich zuversichtlich vor. Wir setzten uns auf einen Felsen und  machten uns hungrig über unseren mitgebrachten Proviant her. Die Pferde bekamen jedes eine wohlverdiente dicke Karotte. Ich ließ meinen Blick lange am Ufer entlang schweifen…und fand einen geeigneten Übergang.
Während ich an einer seichten Stelle auf den ersten Fels im Wasser sprang, kletterte Hanni vorsichtig am langen Zügel in den Bach. Von einem Stein zum anderen hopsend, führte ich sie ein Stück mit der Strömung bevor sie durch eine Lücke zwischen den Blöcken das andere Ufer erklimmen konnte. 
Danielle tat es mir gleich und auch Tarissa meisterte das Labyrinth im kühlen Naß mit Bravour. „Unglaublich, wie klug und besonnen mein Pferd heute ist!“ rief Danielle begeistert und voller Übermut. Dann wurde ihr bewußt, daß wir aus diesem Tal früher oder später auch wieder heraus mußten. Um die Böschung vor uns zu bezwingen, mußte man über einen zickzackförmigen Anstieg nach oben. „Hhmm…Daggi, hier kommen unsere Pferde doch nie und nimmer hoch! Ist das nicht zu steil?“
Unbeeindruckt zog ich meinen Sattel fest und saß auf. „Eben ist Dir dein Pferd blind gefolgt, jetzt mußt Du ihm vertrauen. Warte, bis ich ganz oben bin.“ Mit einem lautem „Jippiieijeh“ schoß ich im Galopp die erste Gerade mit Hanni hinauf und weiß Gott, es machte uns einen Heidenspaß! Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern nahmen wir eine Steile nach der anderen, bis wir von ganz, ganz oben auf Danielle und Tarissa herab blickten. Wir atmeten tief durch.
Danielle machte sich und Tarissa startklar und nahm all ihren Mut zusammen. Dann gab sie ihrem Pferd die Zügel frei. Schneller als der Blitz kamen sie im Zickzack auf mich zu.
„Das..war..der..helle..Wahnsinn!“ Danielle und Tarissa waren außer Puste. 
„Ja…jetzt haben wir den Sir Vival ausgetrieben!“ sagte ich zufrieden.
Ein letzter Blick ins Tal, dann wendeten wir unsere Pferde und wandten uns zur Hexenmole. Ehrfürchtig passierten wir den dunklen, riesigen Felsen. Bestimmt wurde die Walpurgisnacht dort droben gefeiert, weit vor unserer Zeit.
Der Wald wurde bald wieder lichter und wir genossen den flotten Trab. Etwas abseits vom Weg sahen wir im Vorbeireiten den „Steinernen Schrank“, unter dem die arme Prinzessin Sophie begraben liegt. Doch das ist eine andere Geschichte.   
Danielle aber schnatterte den ganzen Heimweg von unserem fantastischen Abenteuer und war sehr, sehr stolz auf Tarissa.

Die Stunde des Survival-Rittes war gekommen. Seit Tagen schon hatte es wie aus Kübeln gegossen. Trotzdem kamen alle Teilnehmer pünktlich zum Treffpunkt in Niederkirchen im Ostertal, wo Danielle und ich zu Hause sind. Am Mittag hatte Petrus dann doch Erbarmen mit uns und drehte die Dusche endgültig ab. So starteten wir zwar ein wenig später als geplant, aber trocken und überaus guter Laune. Außer Danielle und mir wagte sich auch Katja auf Sylvan, Jasmin auf Comet und Tatjana auf Colt  (dem rauchenden?) den Sir Vival auszutreiben.  Wir kamen schnell voran und bald rückte der Weißelberg zum Greifen nahe. Doch bevor wir ihn erreichten, tauchten wir in den Wald ein. In genau den Wald, wo die Hexen hausen, hinter einer tiefen Schlucht mit einem reißenden Fluß…. Die Stimmung war ausgelassen, denn mit solch tapferen gleichgesinnten Mitstreiterinnen braucht man sich vor nichts zu fürchten. Nur Danielle wurde immer ruhiger und nachdenklicher. „Hhmm…Daggi, der Boden ist doch durchgeweicht. Nie und nimmer finden unsere Pferde Halt am Abhang.“ Lächelnd blickte ich sie an. „Verlaß Dich nur auf mich. Ich bringe Dich sicher auf die andere Seite.“
Der Weg verengte sich stetig, bis er zu jenem schmalen Pfad wurde, der uns zum Rand der Engelsstiege führte. Wir saßen ab. Unsere Gäste bewunderten den imposanten Ausblick in die Schlucht gebührend. Auch die gewaltige Hexenmole im Hintergrund beeindruckte sie.  
„Ab hier müssen wir ein Stück zu Fuß gehen“ sagte ich und übernahm die Führung. Danielle war ein wenig blaß um die Nase, sagte aber nichts. Ich trat einen Schritt nach vorn…dann einen Schritt zur Seite, kämpfte mich ein paar Meter durch das Unterholz… und stand auf einem Pfad, der sich, versteckt hinter Büschen, am Abgrund entlang fortsetzte. „Paßt hier ein wenig auf. Aber der Weg wird bald wieder breiter.“  Danielle entfuhr ein Schrei der Entrüstung. „Ich glaub`s  ja wohl nicht! Man kann hier weiter reiten?“ „Na klar“ lachte ich. „Aber Du wolltest doch den Sir Vival finden!“ „Den hätte ich mir auch von hier oben angucken können!“ erwiderte sie bissig.
dc.jpgIn knapp einer Stunde hatten wir das Tal umritten und passierten die Hexenmole, dann den „Steinernen Schrank“, bevor wir unseren Picknick- Platz erreichten, wo wir uns von unseren Troßfahrern verwöhnen ließen. Erst nach Kaffee und Kuchen sprach Danielle wieder mit mir. Ich gebe zu, wir hatten uns auch ein ganz klein wenig über sie lustig gemacht. „Mit Dir reite ich nicht mehr aus“ warf sie mir beleidigt an den Kopf. „Oh nein“ rief ich entsetzt. „Sag solch schreckliche Dinge nicht. Du darfst mich doch nicht im Stich lassen.“ Flehend streckte ich ihr die Hände entgegen. „Schau, im nächsten Jahr werden wir nach Fohren-Linden reiten. Auf dem Weg dorthin müssen wir durch einen riesigen Steinbruch, der fast bis in die Wolken reicht. Von dort droben haben wir einen berauschenden Blick über das wunderschöne Ostertal. Und ich könnte schwören, daß man dort, in schwindelerregender Höhe, auch den Sir Vival treffen kann!“ Danielle lachte laut auf. „Ja, ja, ich weiß schon. Das muß man erlebt haben, das muß man gesehen haben!“ Ihre Augen glänzten. Meine Begeisterung hatte sie angesteckt. Ich bin sicher, sie wird mich auf vielen weiteren fantastischen Abenteuern begleiten. Und den Sir Vival, den werden wir das Fürchten lehren! 

Cullmann Dagmar

 

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